Kaffeetasse im Vordergrund auf Bürotisch mit Computern

Im Zusammenhang mit dem Export und Import von Produkten wird immer wieder auf den Ursprung einer Ware referenziert. Doch was ist hierfür ausschlaggebend? Hier gilt es zu unterscheiden. Während sich beispielsweise eine Herkunftsbezeichnung im Sinne von „Made in…“ oder auch ein handelsrechtlicher Ursprung einer Ware noch vergleichsweise einfach bestimmen lässt, erfolgt die Bestimmung des präferenziellen Warenursprungs nach ganz klaren und deutlich komplexeren Regeln.

Insbesondere für das produzierende Gewerbe ist hier eine Ursprungsbestimmung im Rahmen einer Präferenzkalkulation der eigenen Produkte notwendig. Die Globalisierung mit weltumspannenden Liefer- und Produktionsketten, häufige Wechsel in der Beschaffung sowie Preisschwankungen sind nur einige der Herausforderungen, denen sich Hersteller regelmäßig ausgesetzt sehen. Diese Themen nachhaltig und effizient zu managen ist jedoch eine zwingende Voraussetzung, um dauerhaft von Zollermäßigungen im Rahmen internationaler Präferenzabkommen zu profitieren.

Als Produzent können diese Regelungen auf den ersten Blick für Überforderung sorgen. Grundsätzlich gibt es für jede Ware einen sogenannten Drittlandszollsatz (auch Regelzollsatz), der für sämtliche Waren gilt, die in die Zollunion eingeführt werden. Für Waren aus bestimmten Ländern und Gebieten bietet der Zoll jedoch sogenannte Präferenzmaßnahmen an. Dadurch erfahren diese Güter eine Vorzugsbehandlung, die durch sogenannte Präferenzzollsätze im Zolltarif integriert sind.

Um festzustellen, ob ein Produkt von den Zollpräferenzen profitieren kann, benötigt es eine genauere Analyse der sogenannten Ursprungseigenschaften der Ware. Dies geschieht im Rahmen einer Präferenzkalkulation. Wenn diese automatisiert mit einem ERP-System wie SAP durchgeführt wird, kann dies für erhebliche Kostenreduzierungen (Zollersparnis) sorgen. Darüber hinaus lassen sich Prozesse verschlanken und automatisieren, sowie die Transparenz und Nachverfolgbarkeit durch die IT-gestützte Abwicklung steigern. Die Nutzung vorhandener Informationen aus dem ERP System ohne Medienbruch ist ein weiterer Vorteil.

1. Was ist eine Präferenzkalkulation?

Etwas klarer wird die Bedeutung der Präferenzkalkulation anhand ihrer alternativen Bezeichnung, der Ursprungskalkulation. Sie errechnet die Ursprungseigenschaft eines Produktes und ermöglicht es, dieses zu Präferenzzollsätzen auszuführen. Die Präferenzkalkulation ist ein Teilbereich der Präferenzabwicklung, welche folgendermaßen abläuft:

    1. Lieferantenerklärung einholen,
    2. Präferenzkalkulation durchführen,
    3. Präferenznachweise wie bspw. die Lieferantenerklärung ausgeben.

Das Ziel der Präferenzkalkulation sind mögliche Zollermäßigungen oder der komplette Entfall von Zöllen.

Ob für die Einfuhr eines Produktes im Zielland des Versandprozesses Präferenzzollsätze anfallen, hängt erst einmal davon ab, ob zwischen den betreffenden Ländern ein Präferenzabkommen besteht. Ist dies der Fall, gilt es zu prüfen, ob ein präferenzieller Warenursprung festgestellt werden kann. Sollte dies ebenfalls zutreffen, kommt es zu einer individuellen Kostenreduzierung. Diese hängt von der Ursprungseigenschaft ab, welche bei der Präferenzkalkulation ermittelt wird, und den entsprechenden Bedingungen des jeweiligen Abkommens.

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2. Vorteile der Präferenzkalkulation

Eine Präferenzkalkulation kann Produzenten attraktiver machen, da für Kunden in einem Zielland mit Präferenzabkommen geringere Einfuhrzölle fällig werden. Damit sinken aus Kundensicht die sogenannten Total-landed-Costs, welche die Kosten der gesamten Lieferkette, vom Herstellungsort bis zur Verbrauchsstelle, umfassen. Dazu gehören z.B.

    • Lagerkosten
    • Abwicklung
    • Verpackung
    • Transsport (auch von Leergut)
    • Zollgebühren
    • Administration

Kunden können die Total-landed-Costs somit für eine kostenoptimierte Lieferantenauswahl und möglichst günstige Transportwege heranziehen. Führt die Präferenzkalkulation zu einer Zollersparnis, wird der Produzent somit für den Kunden als zukünftiger Lieferant attraktiver. Es entsteht aus Lieferantensicht ein Wettbewerbsvorteil.

3. Regeln zur Präferenzkalkulation

In den Protokollen zu den Präferenzabkommen gibt es spezifische Listenregeln, die die Voraussetzungen für das Erreichen einer Zollpräferenz definieren.

Für eine gültige Kalkulation anhand der jeweiligen Listenregeln bedarf es verschiedener Angaben, dazu gehören beispielsweise Angaben über:

    • die Zolltarifnummern der Erzeugnisse und Vorerzeugnisse
    • der betreffende Verkaufspreis
    • Einkaufspreise der verarbeiteten Materialien bzw. Vorerzeugnisse
    • Präferenzielle Ursprungseigenschaft der Vorerzeugnisse

3.1 Die Ursprungseigenschaft

Ob für ein Produkt ein präferenzieller Warenursprung anerkannt wird und dieses dadurch eine Zollpräferenz erhält, hängt davon ab, ob es den Listenregeln des betreffenden Freihandelsabkommen entspricht. Um von den Vorteilen des entsprechenden Freihandelsabkommens profitieren zu können, braucht es grundsätzlich mehr als lediglich einer sogenannten Minimalbehandlung bereits bestehender Materialien/Waren.

Minimalbehandlungen könnten gemäß dem deutschen Zoll beispielsweise folgende sein:

    • einfaches Abfüllen in Flaschen
    • Bügeln von Textilien
    • einfaches Anstreichen oder Polieren
    • einfaches Mischen von Erzeugnissen

Kann mehr als eine Minimalbehandlung nachgewiesen werden,
kommt die Präferenzkalkulation anhand der Listenregeln ins Spiel.

3.2 Die Listenregeln

Die Listenregeln sind je nach Präferenzabkommen unterschiedlich. Sie bezeichnen ein festgelegtes Maß an Be- und Verarbeitungen, das erfüllt sein muss damit Produkte diese Ursprungseigenschaften erlangen. Dadurch qualifizieren sie das Produkt folglich für Zollpräferenzen.

Die Listenregeln setzen sich üblicherweise aus Haupt- und Alternativ-Regeln zusammen. Dabei ist die Erfüllung einer Regel ausreichend.  

4. Warum profitieren Unternehmen von einer Kalkulation nach dem Worst Case Prinzip?

Insbesondere bei langfristigen Lieferbeziehungen ist das Ziel eine möglichst dauerhaft gültige Langzeitlieferantenerklärung abgeben zu können. Um dies zu gewährleisten müssen Schwankungen bei Einkaufs- und Verkaufspreisen über einen gewissen Zeitraum in der Kalkulation berücksichtigt werden. Hierfür kommt das Worst Case Prinzip zum Einsatz.

Folgende Werte sind für diese Kalkulation von Interesse:

  • Niedrigster Einkaufspreis für Vormaterialien mit Präferenzeigenschaft
  • Höchster Einkaufspreis für Vormaterialien ohne Präferenzeigenschaft
  • Niedrigster kalkulierter Ab-Werk-Preis des Endproduktes

Ein Beispiel hierfür:

Lieferung

Einkaufspreis für Vormaterialien ohne  Präferenzeigenschaft

Ab-Wer -Preis des Endprodukts

1

750€

3.000€

2

1.140€

3.300€

3

1.197€

3.900€

 

Bei der Worst-Case-Kalkulation würden somit als Einkaufspreis für Vormaterialien ohne Präferenzeigenschaft die 1.197€ zugrunde gelegt werden und ein Ab-Werk-Preis von 3.000€.

Mit einer Berechnung nach dem Worst Case Prinzip kann eine nachträgliche Aberkennung der Zollpräferenzen vermieden werden, welche sehr kostspielig sein kann.

5. Welche Vorteile hat eine systemgestützte Abwicklung der Präferenzkalkulation mit SAP?

Eine automatisierte Präferenzkalkulation mit ERP-Systemen wie SAP sorgt für eine ressourcen- und zeitsparende Ermittlung möglicher Qualifikationen eigengefertigter Produkte für Zollpräferenzen. Die automatisierte Präferenzkalkulation vereinfacht und erleichtert Arbeitsprozesse effizient aufgrund bereits bestehender Datensätze und fördert so den Unternehmenserfolg.

Insbesondere wenn bereits SAP-Systeme im Einsatz sind, bietet es sich an, die Präferenzkalkulation direkt in SAP abzuwickeln. So können Schnittstellen reduziert, die Komplexität der Systemlandschaft gering gehalten und bestehende Informationen im SAP ERP genutzt werden. Das schafft Flexibilität für die Zukunft.

 

Dafür gibt es verschiedene Ansätze:

5.1 Präferenzkalkulation mittels Stand-Alone Lösungen

Die Möglichkeit Präferenzkalkulationen durchzuführen bieten diverse Drittanbieter-Lösungen. Idealerweise können diese durch eine Schnittstelle mit Daten aus dem angeschlossenen SAP System versorgt werden.

Nachteile hierbei sind:

    • Anfälligkeit der Schnittstelle
    • Mangelne Flexibilität
    • Erhöhter Aufwand beim Rückspielen von Daten aus der externen Lösung an SAP
    • Diskrepanzen bei der Darstellung von Informationen (unterschiedliche grafische Benutzeroberflächen)
    • Erhöhte Komplexität der IT-Infrastruktur
    • Mehraufwand bei Datensicherung und Archivierung

 

5.2 Präferenzkalkulation in SAP ERP oder S/4HANA

Leider ist der Funktionsumfang mit Blick auf die Präferenzkalkulation im Standard SAP ERP bzw. SAP S/4HANA für die meisten Unternehmen unzureichend und erfordert eine Erweiterung durch Add-Ons. Diese werden vollständig in das vorhandene SAP System integriert, sind release-sicher und nutzen eine gemeinsame Datenbasis und Infrastruktur. Schnittstellen, separate Server oder Datenbanken werden nicht benötigt und machen das System letztlich stabiler, kostengünstiger und leichter wartbar.

Die integrierte Abwicklung der Präferenzkalkulation im bestehenden SAP System durch die Nutzung von Add-Ons für eine Großteil der Unternehmen die effizienteste und wirtschaftlich sinnvollste Möglichkeit.

5.3 SAP GTS Präferenzkalkulation

Die Einführung der großen Plattform SAP Global Trade Services lohnt sich vor allem für Firmen mit großem Exportvolumen, die größtenteils im EU-Ausland agieren. SAP GTS bietet grundsätzlich alle Vorteile einer ERP-integrierten Lösung, verursacht bei Anschaffung und Betrieb jedoch hohe Kosten. Ebenfalls steigt der Betreuungsaufwand beim Nutzer im Vergleich zu einer vollständig in SAP abgewickelten Präferenzkalkulation.

Fazit

Durch eine Präferenzkalkulation können Unternehmen finanziell von Zollpräferenzen profitieren. Besonders einfach gelingt die Präferenzkalkulation durch automatisierte Prozesse in ERP-Systemen wie SAP – so trägt sie maßgeblich zur effizienten Unternehmensführung bei.

FAQ

Was ist eine Präferenzkalkulation?

Die Präferenzkalkulation ist ein Teilbereich der Präferenzabwicklung. Sie errechnet die Ursprungseigenschaft eines Produktes und ermöglicht es dieses zu Präferenzzollsätzen auszuführen.

Was sind Total-landed-Costs

Total-landed-Costs sind die gesamten Kosten einer Lieferkette, vom Herstellungsort bis zur Verbrauchsstelle. Sie umfassen unter anderem Kosten für die Lagerung, Abwicklung, Verpackung, den Transport (auch von Leergut), Zollgebühren und die Administration.